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Der Hohe Repräsentant der internationalen Gemeinschaft in Bosnien, Wolfgang
Petritsch, warnt vor Vorurteilen gegen Muslime. In dem Balkanland sehe er kein
Zentrum des islamistischen Terrorismus. Der Kärntner Slowene und
Südosteuropa-Historiker Petritsch war Botschafter in Belgrad und EU-Unterhändler
während der Kosovo-Krise, bevor er sich seit 1999 als Beauftragter für Bosnien
um Flüchtlingsrückkehr und zentrale Institutionen des ethnisch geteilten
Staatsgebildes bemühte.
Sueddeutsche Zeitung : Wie schätzen Sie das Potenzial eines
islamistischen internationalen Terrorismus in Bosnien ein?
Petritsch: Bis auf den einen konkreten Hinweis auf eine
indirekte Verbindung zu Osama bin Laden spricht hier nichts für ein Zentrum des
internationalen Terrorismus. Eine Gefahr besteht nicht auf Grund der Tatsache,
dass hier Muslime leben, sondern dass der hiesige Staat unvollendet ist und
seine Institutionen nicht wie anderswo funktionieren. Das hat man ja schon in
anderen Formen der organisierten Kriminalität wie etwa dem Frauenhandel gesehen.
Es sollte aber keinen gedanklichen Kurzschluss derart geben, dass Muslime und
internationaler Terrorismus zusammengehören. Es sind eher die ethnische Teilung
oder auch die Unterentwicklung der Polizei in Bosnien, die kriminelle
Aktivitäten begünstigen. Ich habe nach den Terroranschlägen in New York und
Washington vom 11.September natürlich darauf bestanden, dass die hiesige
Regierung mit den internationalen Kräften im Land und im europäischen
Zusammenhang gegen den internationalen Terrorismus zusammenarbeitet. Und das ist
auch geschehen.
Sueddeutsche Zeitung : Für den Ministerpräsidenten Zlatko Lagumdzija
gab es ja wohl auch ein Motiv für mehr Engagement, weil es mehrere Hundert
Mudschaheddin aus islamischen Ländern gibt, die im Krieg auf Seiten der
bosnischen Armee gekämpft hatten und danach eingebürgert wurden.
Petritsch: Für Lagumdzija war dies eine Gelegenheit zum
Beweis, dass seine Regierungskoalition handlungsfähig ist. Und ich denke, dass
das Ärgste vorbei ist. Man muss hier aber aufmerksam bleiben, weil in einem
Umfeld sozialer Unzufriedenheit und Frustration religiös-ideologisch bestimmte
Kriminelle hier vielleicht leichter einen Ansatz finden. Indes muss der
muslimischen Bevölkerung unbedingt gezeigt werden, dass es kein Vorurteil gegen
sie gibt.
Sueddeutsche Zeitung : Islamistische Kräfte in Bosnien argumentieren,
dass die internationale Gemeinschaft statt einer Hatz auf vermeintliche
muslimische Terroristen lieber mehr Eifer an den Tag legen sollte,
terroristische Feinde der Muslime wie den früheren bosnischen Serbenführer
Radovan Karadzic und seinen Armeechef General Radko Mladic zu fassen.
Petritsch: Da liegt sicher ein Schwachpunkt. Ich habe
deshalb gerade in der bosnischen Serbenrepublik und einer Belgrader Zeitung
gesagt, dass in gewissem Sinne auch Karadzic und Mladic in die Kategorie des
Terrorismus fallen. In der aktuellen Situation darf nicht vergessen werden, dass
sie jahrelang die Bevölkerung hier terrorisiert haben und vor Gericht gehören.
Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass der Westen in den letzten
Jahren zweimal in Europa zu Gunsten von Muslimen eingegriffen hat - nämlich erst
der Bosniaken, dann der Kosovo-Albaner. Es bleibt trotz allem Tatsache, dass es
bei einigem politischen Willen möglich gewesen wäre, Karadzic und Mladic längst
vor das Haager Gericht zu bringen.
Sueddeutsche Zeitung : Wessen Wille meinen Sie?
Petritsch: Vor allem seitens der internationalen
Gemeinschaft. Es ist unrealistisch, das von den lokalen Behörden zu verlangen.
Was man verlangen kann, ist mehr Kooperation. Die gibt es in Bosnien in der
bosniakisch-kroatischen Förderation, aber noch immer nicht in der Republika
Srpska. Unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft gibt es aber auch dort
eine Tendenz, sich jetzt mit dem Gedanken an einen Beitrag dazu vertraut zu
machen. Vor einigen Tagen hat ein Funktionär der einst von Karadzic gegründeten
Serbischen Demokratischen Partei (SDS) den Aufruf von Premier Mladen Ivanic
unterstützt, dass sich Karadzic und Mladic stellen sollten. Ein Test wird
nächste Woche der Parteitag der SDS sein. Auf ihm sollen angeblich die Statuten
so geändert werden, dass als Kriegsverbrecher Angeklagte nicht mehr
Parteimitglieder sein können.
Sueddeutsche Zeitung : Wird denn Karadzic noch als Parteimitglied
geführt?
Petritsch: Sie sagen offiziell: Nein.
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